Ein Massaker am eigenen Volk

KAIRO. Gestern hat sich in Kairo ein blutiges Massaker ereignet. Dies könnte für das Land gravierende Folgen haben.

Die Bilder aus der ägyptischen Hauptstadt Kairo ähneln einem Kriegsschauplatz. Aus den nun geräumten Protestcamps der Islamisten am  Nada-Platz und in Rabaa Al-Adawiya  steigt Rauch auf. Manche Straßen sind von Blut überströmt. Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte patrouillieren mit gepanzerten Fahrzeugen durch die Stadt. Die Regierung hat für einen Monat den Ausnahmezustand verhängt und es herrscht nächtliche Ausgangssperre.

Nachdem sich die Sicherheitskräfte nach wiederholter Ankündigung dazu entschlossen haben die Protestcamps der Islamisten zu räumen, liegt die Zahl der Verletzten in den Tausenden und jene der Toten wohl irgendwo im dreistelligen Bereich. So ganz genau weiß das niemand. Die Angaben gehen, je nach Quelle, weit auseinander. Es ist schwer zu beurteilen, wem man dabei Glauben schenken darf. Schon lange wird der ägyptische Machtkampf nicht nur auf den Straßen, sondern auch über die Medien geführt. Beide Lager beschuldigen einander zuerst scharf geschossen zu haben und versuchen dies durch entsprechende Propaganda zu untermauern.

Wirft man einen Blick in eine der zahlreichen Moscheen, welche zu Feldlazaretten und Leichenhallen umfunktioniert wurden, wird eines klar: Was sich gestern in den Straßen Kairos abgespielt hat, kann getrost als Massaker bezeichnet werden. An den Händen der Militärführung, welche sich angeblich dem Schutze der Demokratie und der Rechte aller ÄgypterInnen verschrieben hat, haftet das Blut der eigenen Bevölkerung. Ganz egal, wie wenig diese Protestierenden bereit waren in einen nationalen Dialog einzutreten, egal auch ob ihre Forderungen undemokratisch waren – der Großteil der Menschen am Nada-Platz und in Rabaa Al-Adawiya waren ägyptische BürgerInnen, deren Recht auf Versammlungsfreiheit und Meinungsäußerung durch den Einsatz massiver Gewalt mit Füßen getreten wurde. Die Verletzten und Toten in den Moscheen legen darüber ein trauriges Zeugnis ab.

Es ist kaum absehbar welche Folgen diese jüngste Gewaltwelle für das Land haben wird. Heute werden viele der Toten zu Grabe getragen. Die Trauer um Familienmitglieder und Freunde dürfte dabei sehr schnell in Wut und Hass umschlagen. Die Islamisten haben ihre Proteste in den vergangenen Stunden dezentralisiert. In ganz Ägypten gibt es Demonstrationen, welche sich gegen staatliche Institutionen richten. Dabei sind wohl wieder massive Straßenschlachten zu erwarten. Sollten die Sicherheitskräfte den Demonstranten mit ähnlicher Gewalt begegnen wie gestern, ist die weitere Polarisierung der Bevölkerung die wohl einzig logische Konsequenz. Die systematische Ergreifung des bewaffneten Widerstandes mancher islamistischer Gruppierungen ist damit wohl nicht auszuschließen. In säkularen Teilen der Bevölkerung  scheint der Glaube vorzuherrschen, dass die ägyptischen Sicherheitskräfte derartigen Widerstand erfolgreich niederschlagen könnten. Dies erklärt sich aus der historischen Erfahrung mit den Regimen Nasser, Sadat und Mubarak, welche allesamt einen mehr oder minder autoritären Umgang mit Islamisten pflegten. Sadat bezahlte dafür bekanntermaßen mit seinem Leben, der Staat jedoch behielt dabei immer sein Gewaltmonopol. 2013 ist diese Situation anders: Aus der Erfahrung der ägyptischen Revolution werden sich islamistische Gruppierungen nicht erneut aus der politischen Landschaft verdrängen lassen. Der Durst nach politischer Teilhabe ist zu groß. Wenn ihnen der Staat weiterhin mit Gewalt begegnet könnten gezielte Tötungen, Bombenanschläge und Geiselnahmen bald auf der Tagesordnung stehen. Damit hat Ägypten bereits in der Vergangenheit leidvolle Erfahrungen gemacht. Der ägyptische Sicherheitsapparat ist auf Grund der jahrzehntelangen militärischen Unterstützung durch die USA wohl tatsächlich zu mächtig um ernsthaft ins Wanken zu geraten. Die Wirkung von Guerillataktiken auch im urbanen Raum, wie wir sie etwa aus dem lateinamerikanischen Kontext kennen, wird in Kairo derzeit massiv unterschätzt. Die eigene Ignoranz gegenüber der bereits seit längerem eskalierenden Sicherheitslage im Sinai (siehe Artikel: Egyptian Failure in the Sinai vom 10. August) könnte die Menschen in den großen ägyptischen Städten schon bald in einer schmerzhaften Art und Weise einholen.

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