Nichts zu feiern am Tag des Festes

Kairo. Heute beginnt im islamischen Kalender der neue Monat Schawwal. Ramadan 2013 ist damit Geschichte. Dies ist wohl auch das Ende einer tragischen und womöglich entscheidenden politische Phase der ägyptischen Revolution.


Als vor etwas mehr als einem Monat der islamistische Präsident Mohammed Mursi vom Militär aus dem Amt geputscht wurde waren die Reaktionen aus dem Westen abwartend und verhalten. Vielen politischen Beobachtern war die Politik der Mursi Regierung bereits seit längerem ein Dorn im Auge gewesen: Zu autoritär und engstirnig hatten die Islamisten aus ihren Augen seit ihrer demokratischen Machtergreifung das Land regiert. Linke und liberalere Kräfte wurden gezielt aus politischen Entscheidungsprozessen ausgegrenzt, Menschenrechte und Pressefreiheit wie schon unter Mubarak beschnitten und zunehmend Hetze gegen religiöse Minderheiten betrieben. Viele jener Pessimisten, welche dem politischen Islam und der Demokratie von vornherein keine Zukunftschancen eingeräumt hatten, fühlten sich in ihren schlimmsten Prophezeiungen bestätigt. Für sie war es im Anbetracht der prekären politischen Lage im Land natürlich ein Leichtes schwarz-weiß zu malen und in der ihnen zu eigenen Art und Weise zu generalisieren. So erzählte mir mein Cousin, welcher bei den Präsidentschaftswahlen vor einem Jahr noch gegen den Kandidaten des alten Regimes und für Mohammed Mursi gewählt hatte, vor wenigen Tagen voller Frust, dass der einzig richtige Platz für die Muslimbrüder das Gefängnis sei.
Verschwörungstheorien erlebten in den Monaten vor dem Putsch einen neuen Boom: Je nach Bedarf wurden wie bereits in der Vergangenheit Juden, aber auch Schiiten, Opfer von Hass und Gewalt. Dies wurde wiederholt deutlich, so auch am 23. Juni 2013 als fünf Schiiten in einem Vorort von Gizeh brutal ermorden wurden. Mursis Partei für Freiheit und Gerechtigkeit hat sich bis heute nicht in einer klaren Art und Weise von jener polarisierenden Hassrhetorik distanziert, welche zweifelsohne in direktem Zusammenhang mit dieser Eskalation von Gewalt gesehen werden muss.
Die Entscheidung des ägyptischen Militärs erneut massiv in die Politik einzugreifen fiel auf die Tage direkt vor Beginn des Fastenmonats Ramadan und damit auf einen politisch brisanten Zeitpunkt. Erwartungsgemäß löste die Entmachtung des Präsidenten eine Welle des Widerstandes im Lager der Islamisten aus und rasch errichtete man im Osten der Hauptstadt Kairo ein Pro-Mursi Protestlager. Zu demonstrieren wurde für viele in der brennenden Sommerhitze fastenden Islamisten nicht nur zu einem politischen, sondern zu einem zutiefst spirituellen Akt. Das gemeinsame Fasten, Beten und Protestieren hatte zweifelsohne eine einende Wirkung und das oftmals brutale Vorgehen der ägyptischen Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten verfehlte die von den Behörden gewünschte Wirkung. Mit jedem Tropfen Blut, welcher in heiß umkämpften Nächten vergossen wurde, stärkte nur den Willen der Islamisten zum Widerstand. Nur wenige Kilometer entfernt feierten Befürworter des harten Vorgehens des Militärs am symbolträchtigen Tahrir-Platz Generaloberst Abd al-Fattah as-Sisi als neuen Nationalhelden.
Die Chance, doch noch in einen nationalen Dialog einzutreten, wurde von fast allen Lagern des Konfliktes in den vergangenen Wochen leichtfertig verspielt. Der Fastenmonat ist immer auch eine Zeit der Besinnung und Versöhnung. Gerade der Gedanke der Solidarität in der Gemeinschaft wird dabei groß geschrieben. Dieses Potential wurde von beiden Seiten gezielt dafür genutzt um innerhalb der Gruppe der jeweils eigenen UnterstützerInnen ein starkes Wir-Gefühl zu erzeugen. Dies ist zweifelsohne gelungen. Die Gräben nach außen wurden dabei jedoch immer tiefer: Ägypten ist heute polarisierter denn je und somit gibt es am ersten Tag des Festes politisch höchstens das jeweils eigene Durchhaltevermögen zu feiern.

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