Die Nicht-Wiederbestellung des ORF-Kairo-Korrespondenten wirft medienpolitische Fragen auf. Eine Einordnung. Gastkommentar, Tiroler Tageszeitung, 15.01.2026, S. 2.

Der ORF will den Vertrag mit seinem langjährigen Korrespondenten Karim El-Gawhary offenbar nicht über den 30. Juni 2026 hinaus verlängern. Just zu einem Zeitpunkt, da er für seine Berichterstattung über den Krieg in Gaza in sozialen Netzwerken und in einzelnen Stellungnahmen massiv angefeindet wird. Einer der Vorwürfe dabei lautet: El-Gawhary spreche über Israel als Besatzer und über die Palästinenser als Besetzte.
Dabei benennt er nur eine Realität und bedient sich eines Vokabulars, welches etwa auch vom österreichischen UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, verwendet wird. Die Terminologie „Israel und die besetzten Gebiete“, für die er nun kritisiert wird, ist zudem langjährige Diktion der österreichischen Bundesregierung – wie im Übrigen auch der EU. Sie benennt, was seit dem Krieg von 1967 in der Westbank, Ostjerusalem und Gaza in unterschiedlichen Ausprägungen Realität ist und was durch Israels Siedlungsbau verfestigt wird.
Israel ist dabei das handelnde Völkerrechtssubjekt und trägt für die Lage in den besetzten Gebieten besondere Verantwortung. Hierüber herrscht – auch unter vielen Israel gegenüber freundlich gestimmten Staaten – breiter Konsens.
Man muss mit El-Gawharys Analysen nicht übereinstimmen – genauso wenig wie mit jenen von ORF-Israel-Korrespondent David Kriegleder. Aber man sollte aner-kennen: Beide leisten einen entscheidenden Beitrag, uns die Realitäten der Menschen in einem der komplexesten Konflikte unserer Zeit näherzubringen.
El-Gawharys vielfach ausgezeichnete journalistische Arbeit entspricht den Standards guter journalistischer Praxis. Eine Rüge des Pres-serats gegen ihn oder seine Arbeit lag beim Schreiben dieses Textes nicht vor. Der ORF sollte sich daher schützend vor seinen Korrespondenten stellen und jedem Eindruck überzeugend entgegentreten, es handle sich um ein Beiseiteschieben einer in politische Ungunst gefallenen Stimme. Ansonsten könnte ein fatales Signal für die Pressefreiheit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gesetzt werden.
Adham Hamed forscht und lehrt am Austrian Centre for Peace und an der Universität Wien. hamed@ac4p.at
Dieser Text erschien zunächst in der Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 15.1.2026 und beruht auf dem Blog-Beitrag „Droht eine Informationswüste in Nahost?“ vom 19.12.2025.

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